Montag, 29. September 2014

Mehr Überwachung?

Meinungsbeitrag in der "Zett" vom 28. September 2014. Als .jpg oder .pdf anzeigen.

„Überwachungskamera“ klingt nach Technik, Sicherheit und Schutz. Kein Wunder, dass jetzt wieder der Ruf danach laut wird. Überwachung ist aber der falsche Weg. Erstens setzt sie am falschen Ende der verhängnisvollen Kette an, die zu solchen Gewalttaten führt, wie wir sie in Meran erleben mussten: Aufnahmen werden ausgewertet, wenn der Schaden schon angerichtet ist. Opfer werden damit nicht geschützt. Das Ziel muss die Verhinderung von Gewalt sein, und das heißt, sich mit Ursachen und Präventionsstrategien auseinander zu setzen. Kameras können bei der Polizeiarbeit helfen – aber die ist, wie auch in Meran, nicht das Problem. Videoüberwachung ist zudem eine höchst bedenkliche Maßnahme: Sie stellt einen massiven Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Bürger dar. Man muss nicht die Metapher vom „Überwachungsstaat“ bedienen, um zu verstehen, dass die grundlose und pauschale Erfassung aller Menschen unverhältnismäßig und besorgniserregend ist. Drittens sind Videokameras schlicht und einfach ineffizient, wie diverse Studien der letzten Jahre bestätigen. Großbritannien hat 4,2 Millionen Kameras, trotzdem ist London europaweit Nummer eins bei Straftaten. Fakt ist: Gewalttaten lassen sich damit nicht bekämpfen. Statt den Menschen mit Kameras eine Sicherheit vorzugaukeln, die es nicht gibt, sollte darüber diskutiert werden, wie der Gewalt der Boden entzogen werden kann. Und wenn alle gemeinsam mehr Verantwortung dafür übernehmen, was im öffentlichen Raum passiert, ist schon viel gewonnen.


Anmerkung
Bei der Frage der Nützlichkeit von Überwachungskameras habe ich mich auf die Meta-Analyse der Campbell Collaboration von 2008 bezogen, die sich auf 19 ausgewertete Studien stützt und deren Ergebnisse als deutsche Zusammenfassung vorliegen: Demnach  konnte die Hälfte der Studien keine Effekte feststellen. "In Stadtzentren und Wohngebieten sowie im öffentlichen Nahverkehr hatte die Videoüberwachung nur geringen oder keinen signifikanten Effekt auf die Kriminalität. Es ergab sich auch kein Erfolg hinsichtlich der Verringerung von Gewaltdelikte." (S. 1) Die durchschnittliche Effizienzquote von 21% ergibt sich - und das ist ausschlaggebend - lediglich aus dem Rückgang von Diebstählen von und aus Kraftfahrzeugen, die in Parkhäusern abgestellt wurden, "insbesondere bei Kombination mit verbesserter Beleuchtung und deutlichen Hinweisen". (Ebd.) Beim Kriminalitäts-Ranking habe ich mich auf eine europaweite Umfrage bezogen.

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