Mittwoch, 7. Mai 2014

Nein, das Volk ist keine rohe und ignorante Masse

von Jacques Rancière veröffentlicht in Libèration am 3. Januar 2011, eigenständige deutsche Übersetzung aus dem Englischen. Auch mit Fußnoten als .pdf verfügbar.

Nicht ein Tag vergeht, ohne dass die Gefahren des Populismus von allen Seiten beschworen werden. Aber es ist nicht so leicht zu fassen, was das Wort bedeutet. Was ist ein Populist? Abgesehen von verschiedenen Fluktuationen der Bedeutung scheint ihn der dominante Diskurs mit drei wesentlichen Eigenschaften zu charakterisieren: eine Art der Rede, direkt adressiert an das Volk bei Umgehung von Repräsentanten und Persönlichkeiten; die Behauptung, Regierungen und herrschende Eliten seien mehr über ihr eigenes Wohlergehen besorgt als über das Gemeinwohl; eine Rhetorik der Identität, die Angst und Abwehr von Ausländern ausdrückt.


Es muss jedoch klar sein, dass es keine zwingende Verbindung zwischen diesen drei Eigenschaften gibt. Die republikanischen und sozialistischen WortführerInnen früherer Tage waren der Überzeugung, dass es eine als „das Volk“ bekannte Einheit gibt, die Machtquelle und erster Referent des politischen Diskurses ist. Dies hat aber mit irgend einer Form von rassistischen oder xenophoben Gefühlen nichts zu tun. Es braucht keinen Demagogen, um festzustellen, dass unsere PolitikerInnen mehr auf ihre Karriere achten denn auf die Zukunft ihrer MitbürgerInnen, oder dass die, die uns regieren, in Symbiose mit den Repräsentanten großer finanzieller Interessen leben. Die selbe Presse, die „populistische“ Tendenzen verurteilt, versorgt uns Tag für Tag mit den detailliertesten Beweise dafür. Staats- und Regierungschefs wie Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy, die „populistisch“ genannt werden, hüten sich ihrerseits davor, die „populistische“ Idee der korrupten Eliten zu propagieren. Der Begriff wird nicht gebraucht, um eine genau definierte politische Kraft zu charakterisieren. Er beschreibt weder eine Ideologie, noch nicht einmal einen kohärenten politischen Stil. Er wird einfach dazu benutzt, um das Bild eines bestimmten Volkes zu erzeugen.

Denn „das Volk“ an sich existiert nicht. Was existiert sind unterschiedliche und auch antagonistische Bilder des Volkes – Figuren, die durch die Privilegierung bestimmter Formen der Versammlung, bestimmter unverkennbarer Eigenschaften und bestimmter Fähigkeiten und Unfähigkeiten konstruiert werden. Der Begriff Populismus erzeugt ein Volk, das durch die beängstigende Kombination einer gewissen Fähigkeit – die rohe Kraft der großen Zahl – und einer gewissen Unfähigkeit – die Ignoranz, die der selben großen Zahl zugeschrieben wird – charakterisiert wird. Aus diesem Grund ist Rassismus, die dritte Eigenschaft, wesentlich. Es geht darum, diesen immer des „Idealismus“ verdächtigten Demokraten zu zeigen, was das Volk unterschwellig immer ist: ein Mob, beseelt von einem primären Trieb der Ablehnung, der zugleich die an der Macht trifft, die aufgrund seines Unverständnisses der Komplexität politischer Mechanismen als Verräter bezichtigt werden, sowie die Ausländer, die er fürchtet aufgrund eines atavistischen Anhängens an Lebensumstände, die durch demographische, ökonomische und soziale Entwicklungen bedroht werden. Der Begriff des Populismus präsentiert ein Bild des Volkes, das im späten 19. Jahrhundert von Denkern wie Hippolyte Taine und Gustave Le Bon ausgearbeitet wurde, die erschüttert waren von der Pariser Kommune und dem Aufstieg der Arbeiterbewegung: das Bild einer ignoranten Masse [foule], beeindruckt von kräftigen Worten der „Agitatoren“ und zu extremer Gewalt verführt von der Zirkulation unbestätigter Gerüchte und ansteckender Ängste.

Ist diese epidemische Entfesselung blinder Massen, angeführt von charismatischen Anführern, wirklich ein zeitgenössisches Phänomen in Ländern wie den unsrigen? Was auch immer die alltäglichen Klagen über Einwanderer und insbesondere die „Jugend aus den Banlineus“ sein mögen, sie drücken sich nicht in massenhaften Volksdemonstrationen [manifestations populaires] aus. Was heute in unserem Land Rassismus genannt wird, ist im Wesentlichen die Verbindung von zwei Dingen: Auf der einen Seite Formen der Diskriminierung bei Beschäftigung und Wohnen, die in aseptischen Büros in Perfektion betrieben werden. Auf der anderen Seite Regierungspolitiken, die in keiner Weise die Konsequenz einer Massenbewegung sind: Restriktionen der Einwanderung, die Weigerung der Vergabe von Aufenthaltsgenehmigungen an Menschen, die über Jahre in Frankreich gearbeitet und Steuern gezahlt haben, die Unterminierung der Nationalität durch Geburt, doppelte Bestrafung, Gesetze gegen das islamische Kopftuch und die Burka, offizielle Vorgaben zur Abschiebung und dem Niederreißen von Einwanderersiedlungen. Das Ziel dieser Maßnahmen ist im Wesentlichen die Prekarisierung der Rechte eines Teils der Bevölkerung sowohl in Bezug auf die Arbeit als auch die Staatsbürgerschaft, um einerseits eine Arbeitsbevölkerung zu schaffen, die jederzeit dahin zurückgeschickt werden kann, von wo sie gekommen ist, und andererseits eine von gebürtigen Franzosen, deren Status nicht mehr gesichert ist.

Unterstützt werden diese Maßnahmen von einer ideologischen Kampagne, welche die Beschränkung der Rechte mit der Evidenz des Scheiterns begründet, bestimmte charakteristische Eigenschaften der nationalen Identität vorzuweisen. Aber es sind nicht die „Populisten“ des Front National, die diese Kampagne losgetreten haben. Es sind vielmehr gewisse Intellektuelle, angebliche Linke, welche das unwiderlegbare Argument gefunden haben: Diese Menschen können nicht wirklich französisch sein, weil sie sind nicht säkular.

Marine Le Pens kürzliche „Entgleisung“ ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Alles, was sie tut, ist die Verdichtung einer diskursiven Sequenz, die sich fast überall in angeblich republikanischen Schriften finden lässt, in ein anschauliches Bild: Moslem = Islamist = Nazi. Die „populistische“ extreme Rechte drückt nicht eine spezifisch xenophobe Passion aus, die aus den Tiefen des Körpers des Volkes hervordringt; sie ist ein Satellit, der die Strategien der Regierung und die Kampagnen bedeutender Intellektueller zu ihrem Vorteil wendet. Der Staat erhält dabei das permanente Gefühl der Unsicherheit aufrecht, das die Risiken der Krise und der Arbeitslosigkeit mit denen von Eis auf der Straße und Formamid zusammen mischt, um in der höchsten Gefahr des islamischen Terroristen zu kulminieren. Die extreme Rechte verkörpert das gängige Bild, das sich in Ministerialdekreten und der Prosa von Ideologen findet.

Und so werden weder die „Populisten“ noch das in ritueller Denunziation des Populismus gezeichnete Volk ihrer Definition gerecht. Aber das ist kein Problem für jene, die mit diesem Phantom hantieren. Das Entscheidende für sie ist es, die eigentliche Idee des demokratischen Volkes mit dem Bild der gefährlichen Masse zu verschmelzen. Um schließlich zur Schlussfolgerung zu gelangen, dass wir alle unser Vertrauen in die Regierenden setzen müssen und dass jede Infragestellung ihrer Legitimität und Integrität die Tür zum Totalitarismus öffnet. „Besser eine Bananenrepublik als ein faschistisches Frankreich“ war einer der übleren Sprüche gegen Le Pen im April 2002. Mit dem gegenwärtigen Gerede von der tödliche Gefahr des Populismus wird eine theoretische Fundierung der Idee bezweckt, dass wir keine andere Wahl hätten.

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